Vom Thron zum Drehstuhl: Die Geschichte des Chefsessels

Schwarzes, hochwertiges Leder, hohe Lehnen und hoher Komfort – der Chefsessel ist der Thron des 21. Jahrhunderts. Führungskräfte sitzen auf den bequemsten Stühlen im Büro, wenn nicht sogar auf hochwertigen Designer-Chefsesseln. Warum ist das so? Wir gehen der Evolution des Chefsessels auf den Grund.

Der Thron als erster Bürostuhl

Erst spät entdeckte die Menschheit das Sitzen, genauer gesagt im 17. Jahrhundert. Während man bereits seit der Jungsteinzeit, wenn überhaupt, nur auf Hockern, Schemeln oder dem Boden saß, war bequemes Sitzen nur Königen und Herrschern vorbehalten. Der Thron mit vier Beinen und einer Lehne war nicht nur der erste eigentliche Bürostuhl, sondern genau genommen der erste Stuhl überhaupt.

Der allererste Stuhl war ein hölzerner Armlehenstuhl, der in Ägypten im Grab von Königin Hetepheres (zwischen 2589 und 2566 v.Chr.) gefunden wurde. Nicht zu vergleichen mit dem Thron von Tutanchamun – einem prunkvollen, goldenen Sessel mit Armlehne und Fußstütze, der die Vorform des heutigen Lounge Chairs ist. Bei den Griechen gab es um 750 v. Chr. die „klismos“ genannten hohen Holzstühle mit breiten Rücken- aber noch ohne Armlehnen. In Rom lag man als Würdenträger auf einem Speisesofa („lectus triclinaris“), dem Prototyp der heutigen Chaiselongue.

So war der Stuhl stets ein Statussymbol, mit welchem Könige, Herrscher und gottgleiche Gestalten Macht und Autorität zum Ausdruck brachten. Das einfache Volk durfte sich erst mit dem bürgerlichen Humanismus des 16. und 17. Jahrhunderts setzen, als mit sogenannten Plauderstühlen und Ohrensesseln das Sitzen gesellschaftsfähig wurde. Eine andere Entwicklung jedoch nahm der Chefsessel.

Fortschrittlicher als gedacht: Die ersten Bürostühle

Als im Mittelalter der Handel zunahm, häuften sich auch kaufmännische und verwaltungstechnische Arbeiten an. Händler, Kaufleute und Buchhalter entdeckten, dass sich diese Aufgaben leichter im Sitzen, als an einem Pult stehend ausführen ließen und die Idee des Bürostuhls war geboren.

Mit beginnender Industrialisierung und Bürokratisierung der Arbeitswelt im 17. Jahrhundert hielt langes Sitzen an Schreibtischen endgültig Einzug in die Arbeitswelt. Die Industrie reagierte schnell, sodass bereits beweglichere Arbeitsstühle, um Arbeitsabläufe zu optimieren, hergestellt wurden. Zu den ersten Bürostühlen wie wir sie heute kennen, gehörte der von Ten Eyck entworfene Schreibtischstuhl mit drei oder mehr Füßen, einem höhenverstellbaren Sitz aus Holz und einer senkrechten, leicht federnden Rückenlehne zur Unterstützung der Wirbelsäule.

Einer der ersten Bürostühle von H.S. Hale aus dem Jahre 1875. Es handelt sich bereits um eine Weiterentwicklung von Ten Eycks Idee. Bequem dürfte der Stuhl dennoch nicht gewesen sein, bestand der doch gänzlich aus Holz.

Der Chefsessel, der eigentlich gar keiner ist

Bürostühle wie auch der 1928 von Marcel Breuer entworfene „Freischwinger“, dessen Sitzfläche an einem Drehkreuz montiert war und sich um die eigene Achse drehen konnte, fanden sich erst mit einiger Verzögerung im Mobiliar eines Chefzimmers wieder. Während die Angestellten der Banken, Versicherungen und Industrien bereits auf industriell hergestellter Massenware durch die Großraumbüros rollten, saßen ihre Chefs noch auf einfachen Stühlen und Sesseln. Viel an den Schreibtisch gebunden und Aufgaben delegierend, war kein Drehstuhl von Nöten. Zudem wollte man sich von den Angestellten abgrenzen.

Erst mit zunehmender Digitalisierung im 20. und 21. Jahrhundert und der Erfindung des Personal Computers in den 80er Jahren verschwammen solche hierarchischen Grenzen. „Der große schwarze Ledersessel als Chefsessel“, so fasst es Designer Jonathan Olivares im Interview mit dem manager magazin zusammen, „ist in modernen Unternehmen mit flachen Hierarchien kaum noch zu finden.“

Auch wenn die Hierarchien immer flacher werden: der mächtigste Mensch des Erdballs benötigt zu Repräsentationszwecken einen Stuhl, der ebenfalls Macht ausdrückt. Obwohl für Obama sicher auch ein Abstimmen auf die Inneneinrichtung eine Rolle spielte.

Dass aus einfachen Bürostühlen hochwertige Chefsessel werden, ist dem Aufkommen des Ergonomie-Begriffs in 1950er Jahren in den USA zu verdanken. Designer wie Bill Stumpf, Peter Opsvik oder Arne Jacobsen nahmen sich der Herausforderung an, Ergonomie, Funktionalität mit Design zu vereinen. So entstanden stylische Bürostühle wie der Vitra von Charles und Ray Eames, der extravagante HAG Capisco oder unverwechselbare Designklassiker wie der Herman Miller Aeron Chair. Aber auch weniger hochwertige, dafür erschwingliche Bestseller von IKEA & Co.

Nach jahrhundertelang geltenden Sitzgewohnheiten, in der der Stuhl ein Zeichen hierarchischer Überlegenheit war, gehört er nun zum Allgemeingut. So ist der Chefsessel heutzutage eigentlich gar kein Chefsessel mehr. Stattdessen ist er in weiten Teilen der westlichen Welt eine Form des Bürostuhls für jedermann und jederfrau geworden.

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  • Mit dem Chefsessel kann sich jeder wie ein Chef fühlen

    Ein wirklich sehr interessanter Artikel, der das Thema Chefsessel mal unter einem eher historischen und psychologischen Aspekt beleuchtet. Ich kann das absolut bestätigen. Wer mehr über die Wirkung des Chefsessels erfahren möchte, findet dies auf meinem Blog: http://www.buerodrehstuhl-test.de/leder-chefsessel/

    Bisher tolle Beiträge hier im Magazin, weiter so. :-)

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