Was macht ein Gebrauchsgegenstand zum Designerstück?

Stühle, Lampen, Regale, Sonnenbrillen, Handtaschen und sogar Eierwärmer – heute gibt es von jedem Produkt ausgefallene Designer-Varianten. Wie kam es dazu, dass aus Gebrauchsgegenständen Designerstücke wurden?

Als das Wort "design" im 19. Jahrhundert aus der italienischen Kunsttheorie der Renaissance ins Englische übernommen wird, wurde daraus unsere heutige Vorstellung von Design: Es geht zwar wie zuvor um die Gestaltung von Form und Farbe, in den Mittelpunkt rückt aber die aufwändige und durchdachte Auseinandersetzung eines Künstlers mit den vielseitigen Funktionen eines Objekts.

Designs sind keine unschuldigen Objekte

Beim Design eines Gegenstandes geht es um die Aufgaben, die dieses zu erfüllen hat. Dabei wird bei jedem Gebrauchsgegenstand zwischen rationalen und emotionalen Funktionen unterscheiden – wie Jochen Gros 1983 im Offenbacher Ansatz festhielt.

  • Technisch-praktische Funktionen, u.a. Handhabbarkeit, Haltbarkeit, Zuverlässigkeit, Sicherheit, technische Qualität, Ergonomie und ökologische Werte.

  • Wirtschaftliche Funktionen, u.a. Kaufpreis, Preis-/Leistungsverhältnis, Kosten für den Unterhalt des Produktes, Wiederverkaufswert, Markenimage, Angebot und Nachfrage, Materialien, Herstellungsverfahren und technischer Fortschritt.

Produktdesigns haben eine technisch-praktische und wirtschaftliche Komponente auf der einen Seite. Auf der anderen Seite sprechen Sie jeden Menschen auf einer emotionalen Ebene an. Im besten Falle ist das Design symbolisch aufgeladen und dadurch begehrenswert – so sehr, dass man sich drauflegen möchte.

 

  • Ästhetische Aspekte von Design, u.a. Form, Farbe, Material und Oberfläche, die die Gestalt eines Produktes bestimmen. Unser Geschmack ist dabei von sozialer Schicht, Nationalität, Alter, Geschlecht und Gewöhnung abhängig.

  • Symbolischen Aspekte von Design: Auf kultureller, sozialer und individueller Ebene geben wir Auskunft über unseren Lebensstil und unsere Auffassungen. „Design zeichnet uns aus, macht uns gesellschaftsfähig und bringt unsere Gesinnung zum Ausdruck,“ heißt es in der Einleitung zu dem Buch Kleine Geschichte des Design von Catharina Berents. 

Darf ich mich mal setzen?“ oder: Was macht einen Bürostuhl zum begehrten Designerstück?

Designer-Stühle gibt es heute viele. Catharina Berents listet unter den sechs wichtigsten Ikonen des Designs, die seit der 1. Weltausstellung in London 1851 entstanden sind, allein drei Stühle. Dabei handelt es sich um den Kaffeehausstuhl Nr. 14 (heute 214) von Michael Thonet, den Wassily Chair der Bauhaus-Schule von Marcel Breuer sowie den Pop-Art-Klassiker Panton Chair.

Wassily Chair, präsentiert im Bauhaus in Dessau (Spyrosdrakopoulos mit CC BY-SA 4.0) / Thonet erprobt auf fragwürdige Weise die Widerstandsfähigkeit seiner Serien-Stühle / Die 1960er-Jahre-Kunststoff-Ikone Panton Chair, hier in quietschgelb. (Paris on Ponce mit CC BY 2.0)

Die spätere Tragweite ihrer Fertigung wahrscheinlich unterschätzt, stehen sie heute als Meilensteine der Designgeschichte: Während das Thonet-Prinzip die serielle Fertigung der beginnenden Industrialisierung revolutionierte, spiegelt sich im Wassily-Stuhl der entgegengesetzte Zeitgeist des Bauhaus wider, in der es um die Rückkehr zum Kunsthandwerk geht.

Blättert man durch Jonathan Olivares' A Taxonomy of Office Chairs, kommen 150 Jahre nach dem ersten Designer-Sitzmöbelstück vor allem Bürodrehstühle dazu. Die bekannten unter ihnen sind nicht nur auf technischer Ebene innovativ, sondern halten uns wie beim Panton Chair (Swinging Sixties!) den gesellschaftlichen und künstlerischen Wandel ihrer Zeit vor Augen. Nimmt man die Büro-Designs von Vitra oder Herman Miller, verkörpern diese aus heutiger Sicht den ergonomischen Fortschritt unter Zuhilfenahme von Wissenschaft und Technologie.

Warum sind gute Designs so teuer?

Der Faktor Zeit sowie Angebot und Nachfrage spielen für Designerstücke zum Erzielen hoher Preise eine wichtige Rolle. Oftmals bedeutet es Glück, wenn sich ehemals erschwingliche Alltagsgegenstände zu kostspieligen Statussymbolen mit einer Aura wandeln. Normalerweise steigen Preise, wenn einerseits ein Designer aufgrund seines hohen Einflusses gehypt wird (posthum wahrscheinlicher als lebendig), andererseits können Gegenstände als kulturelle Referenz in beliebten Filmen oder Serien abgebildet oder in meinungsbildenden Medien gelobt werden. Nicht zu vergessen das permanente Werberauschen, das uns bewusst und unbewusst permanent mit Produkten in Berührung kommen lässt.

Um ein herkömmliches Objekt zu einem Designerstück zu erheben, müssen diese Designs eine emotionale Aufwertung erfahren, die über ihren Gebrauchswert hinausgehen. Ein ketzerisches Beispiel: Die gebildete Mittel- und Oberschicht liebt die Serie Mad Men. Dort wird der darin vorkommende Lebensstil der 1960er Jahre romantisiert und ästhetisiert. Aus dem Wunsch nach Individualität entscheiden sich viele, ihren Loft mit Mid-Century-Möbeln einzurichten. Zeitgeist eben.

Nach der Wiederentdeckung dänischen Mid-Century-Designs und dem Hype stylischer Serien wie Mad Men schwärmen wir heute von minimaler Vintage-Inneneinrichtung – die Preise für Oma's alten Nierentisch steigen. Dieses Pancake-Cafe anno 1960 könnte heute mit gleichem Interieur in den In-Vierteln jeder Weltmetropole eröffnen (Jmabel mit CC BY 2.0).

Oftmals steckt ausgeklügeltes Marketing hinter einen Produkt, um sich im hohen Preissegment zu platzieren. Denn je höher die Kosten für klassische Werbekampagnen, Schleichwerbung oder Influencer-Marketing sind, desto teurer das Produkt. Die Kosten dieser „Magie“ werden natürlich an den Kunden weitergegeben. In der Regel aber sollten Produkte mit dem Präfix "Designer-" über hochwertige Materialien, qualitative Verarbeitung und außergewöhnliche Gestaltung von klugen Köpfen verfügen, die je nach Einstellung des Kunden den Preis rechtfertigen.

Vielleicht versteckt sich auch bei Ihnen zu Hause ein echtes Schmuckstück mit Wertsteigerungspotential? Ein Tipp: IKEA-Möbel, so sehr sie sich für erschwingliches Wohnen verdient gemacht haben, werden es sicher nicht sein!

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